Block > A Cat's Biggest Enemy

Nach fast 7 (!) Jahren der naechste Gastbeitrag von Jack/jack-pictures.
Vielen Dank :)


Zusammenfassung

Ein Ausschnitt aus dem Leben einer kleinen Katze, die noch darauf wartet, die große weite Welt zu entdecken und sich vorerst mit ihren Abenteuern auf die häuslichen Räumen ihrer neuen Heimat begnügt.

Der grüne Dröhner

Eigentlich muss ich sagen, dass mein neues Zuhause sich um einiges von meinem alten unterscheidet.

Zwar dachte ich, meine Geschwister und diese beiden Adoptivkinder (ich habe nie verstanden, was ihre lauten Aufschreie oder ihre seltsamen Gesten ausdrücken wollten …) würden mir fehlen, aber allein der Raum, der mir hier zur Verfügung steht, ist fantastisch. Hier gibt es immer wieder neue Wände, die ich einfach so aufschieben kann … und dahinter wartet schon das nächste Abenteuer! Also muss ich - vielleicht zu meiner Schande - gestehen, dass ich kaum noch Gedanken an meine alte Familie verliere.

Egal, ich wollte euch aber von einem meiner Abenteuer erzählen:

Wie gesagt, hier erlebt man so einiges. Zwar sind meine neuen Familienmitglieder stets darum bemüht, mich von meinen Aussichtsplattformen fernzuhalten und ja, wenn ich höre, dass sie im Anmarsch sind, sehe ich zu, dass ich schleunigst von eben jenen Emporen - sie nennen es “Tisch” oder “Küche” - herabgleite … leider gelingt das nicht immer in voller Eleganz und leider auch nicht immer schnell genug. Zudem fällt auch oft der Satz: “Komm aus dem Schrank raus.” Ich weiß allerdings nicht, wie sie es immer wieder schaffen, diese Wände einfach so aus dem Weg zu räumen und im nächsten Moment wieder erscheinen zu lassen …
Manchmal denke ich, dass es schon praktisch wäre, größer zu sein.

Aber in einem diese Schränke wohnt ER!

Der grüne Dröhner

ER ist wesentlich größer als ich, hat ein beängstigend großes Maul und SEIN Fell ist stumpf und hat die Farbe der einen Pflanze, mit der ich so gerne spiele, aber eigentlich nicht essen soll … verstehe einer meine Familie. Auf jeden Fall ist ER auch ganz kalt und bewegen kann ER sich von selbst auch kaum. Deswegen fiel ER mir beim ersten Mal wohl auch kaum auf beziehungsweise schenkte ich IHM bei unserer ersten Begegnung keine große Beachtung. ER stand einfach da in SEINEM Schrank … regte sich überhaupt nicht. Ich hingegen war neugierig, was dieser Schrank hinter der beweglichen Wand zu bieten hatte. Zu meiner Enttäuschung konnte ich nur die erste Etage SEINER Behausung erkunden, da die restlichen viel zu hoch für mich lagen.
Also machte ich mich auf und untersuchte alles ausgiebig, lief IHM sogar über das übergroße Maul. Doch all das schien IHN in keinster Weise zu stören. ER blieb regungslos. SEINE Behausung war auch recht öde eingerichtet: Sehen konnte ich nur einen Stock mit Borsten, an dem man sich wunderbar reiben konnte und ein Stock unter der nächsten Etage, die aber horizontal angebracht war und von der etwas hing, das mich an das Gerät erinnert, mit dem meine Familie meine Toilette säubert. Aber ehe ich mich danach recken konnte, ertönte hinter mir wieder der so oft gehörte Satz “Komm aus dem Schrank raus.” und einer leichten Aufforderung mit einer kahlen Pfote leistete ich Folge und somit verlief mein erstes Treffen mit IHM doch recht harmlos, wie ich finde.
Es gab noch zwei weitere Gelegenheiten für mich, SEINE Behausung zu erkunden, doch außer einem etwas trockenem Geruch, der in meiner Nase für ein Kribbeln sorgte, änderte sich nichts.

Doch dann, eines Tages war ER verschwunden! Die Wand zu SEINEM Zuhause ist nicht wie die meisten unserer Wände, man kann etwas hindurch schauen und Umrisse des Inneren erkennen. Deswegen wusste ich, dass ER nicht mehr da war. Aber weshalb ich eigentlich die Treppen nach oben gestürmt war, waren seltsame Geräusche. Laute, scheppernde Geräusche. Meine Familie war auch nicht bei mir unten sondern auf dem gemütlichen Sofa, das wir uns abends gerne teilten. Nur weil ich wusste, dass sie dort war, hatte ich mich kurz nach unten verdrückt, um nachzuschauen, ob mein Teller nicht doch wieder gefüllt war und ich es nicht mitbekommen hatte.
Das Erste, was mir also nach meinem waghalsigem Treppenspurt auffiel, war die durchsichtige Wand, die offen stand … und die durchsichtige Wand zu SEINEM Zuhause zeigte nicht mehr SEINE Umrisse. Ich war vorsichtig. Immerhin hatte ich aber einen Vorteil IHM gegenüber: Ich wusste, dass ER seine Behausung verlassen hatte; ER hingegen wusste nicht, dass ich nicht mehr unten war. Also schlich ich geduckt zur nächsten sich öffnenden Wand. Im Gegensatz zu den anderen Wänden kann ich diese auch öffnen, ohne dass sie einen Spalt offen steht. Und genau das tat ich auch. Allerdings nur ein keines Stückchen, um einen Blick dahinter zu werfen.
Was ich erblickte, das verschlug mir fast den Atem, ich war wie gelähmt und verharrte erst einmal in meiner Position: ER stand da. Mitten vor unserem Sofa. Hinter IHM zog sich ein dickes Band, dass kurz neben mir in der Wand verschwand. Doch das schlimmste war, dass ER an SEINEM oberen Ende unserer ältestes Familienmitglieder hatte!
Ich hatte nur kurz Zeit, diesen Eindruck wirken zu lassen und versuchte auch, das Ganze irgendwie zu analysieren, denn eines war klar: ER hatte meine Familie in seiner Gewalt! Einen Teil an SEINEM … Hintern, den anderen auf unserem Sofa! Ich musste also handeln. Doch noch während ich hörte, wie sich mein Gehirn bemühte, eine Lösung für unsere scheinbar aussichtslose Lage zu finden, ertönte ein ohrenbetäubender Lärm, der mich erst mal die Flucht ergreifen ließ.
Ich muss gestehen, ich habe meine Familie im Stich gelassen und ich dachte wirklich, ich würde sie nie wieder sehen und auch mich würde ER irgendwann schnappen und sich einverleiben. Mir blieb nichts anderes übrig, als unter unserem Schlafplatz auszuharren, bis das Dröhnen nachgelassen hatte. Ich vermutete, dass ER SEINE Mahlzeit beendet hatte. Nach kurzer Ruhe vernahm ich wieder dieses laute, scheppernde Geräusch, dann das Geräusch, dass SEINE Wand machte, wenn sie sich schloss, und dann nur noch leise Schritte.
Ich war verwirrt … hatte ER oben etwa alles erledigt, mich vergessen und war jetzt wieder in SEINER Behausung, um sich wieder in SEINEN Dauerschlaf zu begeben?
Kennt ihr das Sprichwort: “Neugier ist der Katze Tod.”? Ja? Verdammt, wie ich das bereuen würde, aber ich musste einfach nachsehen. Ich musste, es ging hier schließlich um meine Familie! Also schlich ich wieder nach oben, pirschte mich durch die erste Wand … und die Wand, die IHN und SEINE Behausung von unserem Abendplatz trennte, war da und es gab kein Durchkommen. Ich verrenkte mich, um zu SEINER Behausung schauen zu können … und ER war wirklich wieder dort. Als ob nie etwas gewesen wäre! Ebenso vorsichtig, wie ich nach oben gekommen war, pirschte ich mich an die Wand zu unserem Abendplatz. Sie war leicht geöffnet, sodass ich mich nicht sonderlich anstrengen musste, sie zur Seite zu schieben. Was ich dort sah, verwirrte mich noch mehr: Meine Familie hatte SEINEN Angriff überstanden! Unbeschadet!
Sofort kam ich zu jedem und untersuchte sie. Doch wirklich, ihnen fehlte nichts. Ich war mehr als erleichtert und kuschelte mich erst mal ein, um mich ausgiebig zu putzen. Wenn ich so darüber nachdenke, lag wieder dieses Geruch in der Luft, der in der Nase kitzelte. Doch meine Familie hatte den Angriff überlebt, ER war wieder in SEINER Behausung und schlief. Also konnte ich mich für den Moment zufrieden zurücklehnen und entspannen.
Allerdings sollte ER gewarnt sein: Das nächste Mal wird es IHM nicht gelingen, mich so einfach in die Flucht zu jagen. Vielleicht werde ich IHN auch einfach im Schlaf überraschen?

Ich muss aber gestehen, auch die nächsten Male, die ER aus SEINER Behausung kam, änderte sich nichts an meiner Reaktion auf IHM. Zwar verkroch ich mich nicht mehr unter unserem Schlafplatz, doch weiter als vor die Wand traute ich mich nicht an IHN ran, wenn ER da vor unserem Abendplatz Kontrolle über eines meiner Familienmitglieder übernahm und es dazu brachte, SEIN riesiges Maul über den Boden zu schieben. Doch ich beobachtete IHN. Und das genauestens. Irgendwo muss ER eine Schwachstelle haben, die ich auch noch finden werde.

Mir bleibt es aber immer noch ein Rätsel, wie meine Familie mit solch einem Ungetüm unter einem Dach wohnen und auch bei seinem tosendem Lärm so ruhig bleiben kann. Wenn ich dann aber daran denke, dass unser ältestes Familienmitglied vergleichbar mit mir und IHM die Flucht ergreift, wenn Beute erscheint, muss ich sagen, dass wir uns eigentlich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Tja, Familie eben.

Geschrieben: 2015-01-05, 14:23 - Tags: geschichte, gastbeitrag