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Dies ist ein Gastbeitrag von Jack.
Vielen Dank dafuer :)


Vorwort

Also, das hier war fuer meine letzte Reli-Arbeit. Hat auch unheimlich viel Spass gemacht, das zu schreiben - gut, die meiste Arbeit hatte mein Vater -.-
Es soll vielleicht etwas zum nachdenken anregen und wenn man denn den Sinn verstanden hat, dann kann man ja mal ueberlegen, ob unsere Gesellschaft nicht irgendwie schon auf dem gleichen Weg ist.
In diesem Sinne viel Spass!

Wie die Kellerasseln ihren Glauben verloren

Die Kellerasseln (porcellio scaber) lebten damals in zufriedenen Gemeinschaften hoch oben in den Bergen, wo die Luft am klarsten war. Sie hatten goldene Fluegel und jagten in den offenen Landschaften den Sonnenstrahlen hinterher, von denen sie lebten. Deswegen hatten sie den Namen Lichtasseln. Sie trafen sich regelmaessig in der Gemeinschaft. Sie nahmen das Mahl gemeinsam ein und brachen das Brot zusammen. Sie wendeten sich den Kranken zu, sie teilten ihre Gueter und ihr Habe untereinander. Ihre Versorgung aus dem Gemeinschaftsbesitz was Aufgabe aller. Sie nahmen gemeinsam Speise mit Freude und lebten in Harmonie zusammen.

Eines Tages trat einer von ihnen in ihre Mitte und stellte sich auf einen kleinen Huegel. Diese Geste war sehr geschickt gewaehlt, denn alle andern mussten so zu ihm aufblicken, waehrend er auf sie herabschaute. Da er sich zudem clever vor den Strahlen der Sonne positioniert hatte, wirkte er auf die umstehenden, augenblinzelnden Lichtasseln wie ein Gesandter des Himmels. “Ich bin’s, der sich Bischof nennt. Bis heute habt ihr bruederlich gehandelt und gelehrt. Diese Botschaft wird die Welt aber nicht verstehen. Es ist wichtig, die Einmaligkeit unserer Gesellschaft von Amtswegen in die Welt zu tragen, da sie Unwissenden da unten unser Beispiel allein nicht verstehen werden. Werft euere Fluegel ab und geht da unten in alle Richtungen! Verkuendet den Gedanken unserer Gemeinschaft! Lasst keine anderen Argumente aufkommen! Unsere Leben ist das wahre Leben! Und sorgt dafuer, dass alle von dem leben, von dem auch wir leben.”
Die Lichtasseln waren begeistert ueber diese Botschaft. Da sie gewohnt waren, dass einer dem anderen vertraute, zweifelten sie nicht an den Worten dessen, der sich Bischof nannte. Und die Tatsache, dass er einer der ihren war, aus ihrer Mitte kam, erfuellte sie mit Stolz. Es gab keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Worte.
So legten die Lichtasseln ihre Fluegel ab und machten sich einzeln in alle Richtungen auf den Weg. Sie stiegen die Berge hinab, ueberwanden dabei die Grenze des ewigen Weisses. Sie kamen in seelenlose Gebiete aus Schutt, Schmutz und allen moeglichen Hinterlassenschaften einer unfertigen Natur. Und je mehr Weg die einzelne Lichtassel auf ihren kleinen Fuessen hinter sich brachte, umso mehr Schmutz und Dreck sammelte sich auf ihrem Koerper.- Es war fast so, als waere die Natur eifersuechtig auf die bis dato so gluecklichen Geschoepfen der Schoepfung und als ob sie diese deswegen mit all ihrem Restdreck bewerfen wuerde. Als die Lichtasseln einzeln bei den anderen Geschoepfen der Erde ankamen, hatte sich ihre Gestalt drastisch gewandelt: Aus dem einst engelsgleichen Wesen war ein gekruemmtes, schuppiges schwarz-graues Tier geworden. Ihre Augen, ja ihr ganzes Gesicht war unter einem harten Dreckpanzer verborgen.

Und wie der Bischof ihnen geheissen hatte, stellte sich jede Lichtassel einzeln vor die Geschoepfe: “Hoert zu, Geschoepfe. Ihr muesst so leben wie wir, Nur dann koennt ihr gluecklich sein. Ihr sollt euch nur noch von den Strahlen der goldenen Sonne ernaehren. Der Himmel wird euch ernaehren. Einer soll des anderen Bruder sein. Ihr sollt alles miteinander teilen. Der eine soll dem anderen helfen. Ihr sollt euere Kranken nicht im Stich lassen.”
Die Geschoepfe sahen staunen die Lichtassel an. Es trat eine nachdenkliche Ruhe ein. Dann loesten sich aus der versammelten Runde eine kleine Gruppe und kamen auf die Lichtassel zu. Einer von ihnen erhob die Stimme und sagte: “Du bist haesslich. Wir wollen nicht haesslich sein. Du versteckst deinen Kopf unter einer dicken Schmutzschicht. Wir moechten nicht schmutzig sein. Du erzaehlst von einer gluecklichen Gesellschaft, aber wir sehen nur dich allein. Du erzaehlst vom Fliegen. Wir sehen aber keine Fluegel. Du erzaehlst von dem, der dich gesendet hat. Wir aber sehen keinen Messias. Wir aber muessen arbeiten, wenn wir nicht verhungern wollen. Wir aber muessen kaempfen, wenn wir unser Habe nicht verlieren wollen. Wir aber muessen toeten, wenn wir leben wollen. Wir koennen mit deiner Botschaft nichts anfangen.” Die Geschoepfe drehten sich um und liessen die Lichtassel einsam zurueck.
So wie dieser Lichtassel erging es jedem der gesandten Botschafter. Sie hatten den Auftrag des Messias nicht ausfuehren koennen. Sie beschlossen, nicht mehr in die Berge zurueckzukehren. Nach diesem Versagen wollten sie ihr Leben ganz unten verbringen und als Zeichen ihres Versagens gaben sie sich den Namen “Kellerassel”. Und seit dieser Zeit richteten die Kellerasseln ihren Blick nach unten. Sie leben versteckt unter Steinen und Gebuesch. Sie bevoelkern die Waelder und siedeln auch nahe den Geschoepfen in Kellern, Gaerten, Staellen und Komposthaufen. Und seit diesem unseligen Ereignis tragen sie einen schwarzen Panzer, der sie von allen Einfluessen von oben schaetzen soll. Und wenn sie doch einmal jemand wieder entdecken sollte, rollen sie sich zusammen oder stellen sich tot. Das tun sie, damit niemand ausserhalb ihrer Art in ihr Gesicht blicken kann. Denn er wuerde erkennen, dass die Kellerasseln ihren Glauben verloren haben!

by HAW and Jack

Geschrieben: 2008-03-30, 21:09 - Tags: geschichte, gastbeitrag